Heyka Glißmann

                               Schreiberin mit Herz & Gefühlsfotografin

"Alida hat Tschüß gesagt"

Moin moin,
es sind so besondere Momente, wenn ein Hund zu uns ins Leben kommt und es ist eine wichtige Entscheidung. Wir öffnen unsere Herzen und Türen und gehen für viele Jahre viele Schritte Seite an Seite. Und es ist ein besonderer Moment, wenn sie uns wieder verlassen. Wir sie gehen lassen müssen, vielleicht ist diese Entscheidung fast noch wichtiger? Kann es ein schöner Moment sein mit all seinem Schmerz, den Tränen und der Trauer? Ich wage ein zaghaft überzeugtes „Ja“.
Ungefähr ein Jahr nach dem Tod meiner Hündin habe ich diese Geschichte aufgeschrieben und fürchterlich dabei geheult und mich gerne erinnert. Und „Ja“, weil es ihr Moment war zu gehen, war es ein schöner Moment.
Der Titel dieses Projektes war am Tag nach ihrem Tod da (Danke Mama!). Ich möchte sie sammeln, erzählen und ein Buch daraus entstehen lassen: aus schönen, liebevollen, berührenden und traurigen Hundeabschiedsgeschichten.
Erzählen Sie mir Ihre?
Ich freue mich auf Ihre E-Mail an: photos@heyka-glissmann.de und auf Ihre Geschichte.
Ihre Heyka Glißmann & Alida


Alida de tweete von Schönhagen
* 23.03.2005 - + 02.05.2018

 Alida
Ich hatte „nein“ gesagt. Ziemlich laut und deutlich - dachte ich zumindest. Angefangen hatte es als Job, zugegeben als ein sehr schöner. Das frische Gras leuchtete im satten Grün, der Himmel strahlte leuchtend blau und die Sonne zauberte ein wunderbares Licht. Ich lag mit der Kamera auf der Erde, fühlte das kühle Gras unter mir und um mich herum elf gepunktete kleine Hundebabys bei ihrem ersten Ausflug. Schweigen, genießen und auslösen - einfach schön. Tapsige Pfoten entdeckten die Welt, bestehend aus Grashalmen und Decken, Blüten und Insekten. Streckten ihre kleinen Nasen in Richtung Sonne und wenn es zu viel wurde, fielen sie einfach um und schliefen ein. Film um Film füllte sich.
Eine gute Woche später machte ich mich, mit den entstandenen Bildern im Gepäck, wieder auf den Weg. Eine Namensliste der Welpen hing in der Küche und neben dem Namen „Alida“ stand meiner, immerhin mit einem Fragezeichen. Ich überging das, vorerst. Natürlich war mir aufgefallen, dass ich keine so oft fotografiert hatte wie die kleine Hundedame mit den zauberhaften Punkten um die Nase und dem frechen Blick. Wir sprachen die Bilder durch, das weitere Vorgehen und tranken Kaffee. Noch ein Blick zu den Welpen, bevor ich wieder los musste. Sie wuselten durcheinander, spielten, schliefen. Eine guckte mich an, direkt. Alida.
„Ich habe gesehen, dass ihr mich mit Fragezeichen auf die Liste gesetzt habt“, sage ich zu Karin, der Züchterin. Alida steht inzwischen am Zaun, unmittelbar vor uns. „Aber ich fürchte das wird nichts, ich kann keinen Hund nehmen“. „Überleg' es dir ganz in Ruhe.“, war alles, was Karin dazu sagte.Ich machte mich auf den Rückweg. Neue Wohnung, neue Stadt, neuer Job und nun auch noch ein Hund? Nein, das war mir zu viel, ganz eindeutig.
Immer wieder schaute ich mir die Bilder an, ließ Vergrößerungen machen, nur so. Und dann hatte ich mich entschieden. Nein! Mit ein bisschen Hundespielzeug und einem Beutel Leckerlis machte ich mich auf die fast zweistündige Fahrt, um Karin mitzuteilen, dass ich Alida nicht nehmen würde.
Wir stehen im Hundegarten. Die Welpen tollen um uns herum. Der viel zu große Ball, den ich mitgebracht habe, ist gleich zu Anfang unter einen Busch gerollt und liegt nun versteckt hinter den Ästen, die bis zum Boden reichen. Ich will los, habe mein „nein“ noch mal bekräftigt und die Klinke der Pforte schon in der Hand. Direkt verabschieden von der Kleinen möchte ich mich nicht mehr. Da kommt sie. Zielstrebig läuft sie zu dem Busch, holt den Ball wieder hervor, legt ihn mir vor die Füße und sieht mich aus großen Hundebabyknopfaugen an. „Dann hole ich sie in vier Wochen ab“, höre ich mich sagen. Karin lacht. „Das habe ich vom ersten Tag an gewusst.“ Ich beuge mich zu dem kleinen Punktemonster runter und nehme es auf den Arm. Wie oft hatte ich in den Jahren zuvor gesagt, wenn ich mal einen Hund habe, dann einen Dalmi. Und da war sie also: wunderschön, frech und selbstbewusst:  Alida!

So ist sie zu mir gekommen. Danach sind wir 13 Jahre und 2 Monate zusammen durchs Leben gegangen. Wir haben so viel erlebt: jede Menge Schönes, auch Schlimmes und ganz viel ganz Normales. Wir haben Quatsch gemacht und sind uns gegenseitig auf die Nerven gegangen. Wie viele Kilometer wir zusammen gelaufen sind, vermag ich nicht zu schätzen, auch nicht wie viele Tüten mit Leckerlis leer geworden sind und wie viele Bälle und anderes Spielzeug in den Jahren verschwunden ist.
Ein großer Wunsch von mir war immer, dass sie mit mir zusammen schwimmen geht. Jede alleine war kein Problem und Bälle aus dem Wasser holen eines ihrer liebsten Spiele. Aber zusammen schwimmen, das wollte sie nicht. Sie hat sich dann kläffend ans Ufer oder ins Auto gesetzt und gewartet, dass ich fertig war. Nur einmal an einem Tag Anfang Mai, als es noch viel zu kalt war, um im See zu baden, da war es anders. Eigentlich wollte ich nur meine Füße nach einem warmen Tag ein bisschen abkühlen und dann ist sie immer weiter mit mir ins Wasser gegangen. Je weiter sie mitgegangen und dann bald geschwommen ist umso weiter bin ich auch reingegangen - allen Widerständen und Gänsehäuten gegen das kalte Wasser zum Trotz. Ich hatte weder Ball, noch Badeanzug oder Handtuch dabei – nix um genau zu sein, außer den Klamotten, die ich anhatte. Und der See war kalt… so kalt wie ein See nach den ersten warmen Tagen eben kalt ist. Aber irgendwas war, was auch immer… am Ende sind wir zusammen in diesem kalten See geschwommen.
In glücklichen Momenten, wenn mich etwas berührt oder auch wenn ich traurig bin, bin ich nah am Wasser gebaut und somit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich währenddessen die eine oder andere Träne vergossen habe. Für Alida hatte ich im Auto noch eine Decke zum Abtrocknen und zu Hause die warme Heizung. Für mich gab es eine heiße Dusche und eine Kanne Tee.

Ihren Lieblingsplatz auf dem Küchensofa hat sie sich penetrant erkämpft, indem sie jedes Nein und alle Barrikaden ignoriert hat. Mein Plan war ein hundehaarfreier Platz in der Wohnung, was für eine blödsinnige Idee. Heute freue ich mich, wenn ich manchmal noch eines finde. Später, als sie alleine nicht mehr hinaufkam, hatte sie ein großes Kissen direkt davor liegen.

Sie war liebevoller Freigeist und sture Diva, genauso sensibel wie zickig, frech, witzig und verfressen. Kuscheln fand sie toll, aber nur dann, wenn sie es wollte und manchmal auch mit gnädigem Blick, wenn mir danach war. Sie war eine Persönlichkeit, meine Seelen- und Herzenswegbegleiterin durch Jahre, in denen ich mich vielen Herausforderungen stellen durfte und unendlich viel vom Leben gelernt habe. Egal was war, sie war da. Sie wollte etwas zu Fressen und spazieren gehen, wollte spielen und Aufmerksamkeit. Manchmal ist genau das alles, was man braucht um den nächsten Schritt zu tun.
Nur langsam wurden ihre Augen müde und die Knochen schwer. An manchen Tagen ist sie über die Wiesen gehüpft wie ein Jungspund und hat es den Anderen gezeigt. Sie hat sie alt aussehen lassen und ist wieder vorne weg gelaufen. Ich weiß, sie hat diese Momente genossen. Ich wusste, dass der Tag des Abschiedes näher rückte und ich wusste, dass es meine Entscheidung sein würde, sie gehen zu lassen. Ihr Kopf war bis zum Schluss völlig klar. Es waren ihre Knochen, genauer gesagt ihre Wirbelsäule, die ihr zunehmend Probleme bereitet hat. Meine große Angst in dieser Zeit war es, den Moment zu verpassen, den Moment in dem sie sagt: Ich kann nicht mehr. Was mir blieb, war zu vertrauen, ihr und mir.
Und dann war er da, der Tag, der Moment. Es war an einem Sonntagabend, nach dem Abendbrot, vor dem Krimi. Sie stand vor mir, hat mich angesehen und ein bisschen gehechelt. Ich dachte, sie würde betteln, wie so oft und habe das Hecheln auf den warmen Tag geschoben. Aber dann war da auf einmal noch etwas anderes in ihrem Blick, etwas, dass ich nie zuvor gesehen hatte. Und plötzlich war mir klar, dass das der Moment war, der Moment, in dem sie sagt: ich kann nicht mehr und möchte gehen, hilf mir! Es hat mich innerlich zerrissen. Ich habe geheuelt und gezittert, mir lief es eiskalt den Rücken rauf und wieder runter. Ich wusste nicht wohin mit mir. Alida war ganz ruhig und hat mich angesehen, völlig klar.
Mit unserer Tierärztin war besprochen, dass sie zu uns nach Hause kommen würde, so konnte ich ihr den Weg in die Klinik ersparen. Ihre eh schon hohe Medikamentendosis habe ich noch einmal erhöht, so dass sie keine Schmerzen hatte und gut schlafen konnte.
Den letzten Tag haben wir in aller Ruhe zusammen verbracht. Alida hat viel geschlafen, alles an Lieblingsdosen und Leckerlis bekommen und gefressen. Es war sonnig und warm an diesem Tag, Anfang Mai. Wir waren draußen im Garten, sie ist über den Rasen gelaufen und hat entspannt in der Sonne gelegen. Ich war den ganzen Tag seltsam ruhig, hätte mir nichts sehnlicher gewünscht als die Erkenntnis, dass es doch noch nicht soweit ist, aber die kam nicht. Irgendwann am Nachmittag hatte ich die wahnwitzige Idee, dass ich nicht genug Fotos von ihr haben würde, habe mich zu ihr in den Korb gelegt und Selfies gemacht. Wenn ich die Bilder heute sehe, dann sehe ich wie müde sie war.
Am Abend kam unsere Tierärztin. Alles war ganz ruhig und friedlich. Alida hat mich angesehen mit ihren tiefbraunen Augen, ein letzter Blick mitten in die Seele und dann ist sie ganz leicht und ohne Angst auf ihren Weg über die Regenbogenbrücke gegangen. Es war ihr Moment und das ist für mich der größte Trost. Was bleibt, sind die Erinnerungen, die Dankbarkeit, dass diese unglaubliche Hundeseele sich dafür entschieden hatte ihr Leben bei mir zu verbringen und die Liebe! 

Ihre Asche habe ich zwei Wochen später an unserem Lieblingsstrand ins Meer gegeben – Freigeister passen nicht in Urnen!