Heyka Glißmann

                               Schreiberin mit Herz & Gefühlsfotografin

Schreiberin mit Herz

Durch Träumen - Beobachten - Zuhören - Leben - Lachen - Weinen und noch soviel mehr, entstehen neue
Geschichten, Welten, Persönlichkeiten - das ist immer wieder neu, faszinierend und wunderbar.
Vier meiner Kurzgeschichten habe ich hier als pdf´s (bitte klicken Sie
auf den Titel) für Sie zusammengestellt.

Sie heißen:
"Spiegeltränen" ein besonderer Moment vor dem Spiegel und ein liebevoller Blick auf sich selbst.
"Mittendrin" - über Zufälle, Freundschaften, Schicksalsschläge und Lieblingslieder.
"Den Himmel im Blick" - der Moment, wenn es nach dunklen Zeiten im Leben wieder hell wird.
"Postkartenidylle" - Mütter und Töchter - eine ganz besondere Beziehung.

Und wer weiter lesen mag, der findet hier noch einige Texte mitten aus dem Leben:

21.09.2017

Das Giftzwergmeeting

Das Giftzwergmeeting
Sie sind klein, grau und knubbelig. Sie haben abgewetzte Aktentaschen aus Kunstleder, ausgeblichene Thermoskannen und angetrocknete Brote in Butterbrotpapier. Es umgibt sie ein leichter Schweißgeruch, die Haut ist aschfahl von zu wenig Sonnenlicht und die Mundwinkel hängen weit herunter… so ungefähr sehen sie aus –  die Giftzwerge.
 
Vor ein paar Tagen haben sie ein großes Notfallmeeting bei mir einberufen, natürlich ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Schon beim Aufwachen hatte ich so ein komisches Gefühl und dann waren sie auch schon da. Ich habe die trippelnden, harten Schritte gehört und das Quietschen der Tür, als sie sich, einer nach dem Anderen, hindurch gedrängelt haben.
 
Als alle da waren, haben sie mit einem lauten Krach den Tisch leergefegt und die Stühle durch die Wohnung geschrammt. Als letztes ist dann immer der laute Knall zu hören, mit dem sie den Giftzwerg-Wimpel auf dem Tisch platzieren. Giftgrün ist er und in fetten Buchstaben steht „Dagegen“ darauf. Irgendwo ist noch das Logo platziert und die Domain der „1. offiziellen internationalen Giftzwergvereinigung“ zu sehen. Dann geht’s los.
 
„Sie hat keinen Kaffee gekocht“, war der erste Satz, den ich hören konnte bevor ich mir die Bettdecke nochmal über den Kopf gezogen habe. „Sie wusste ja auch nicht, dass wir kommen.“ Die schrillen Stimmen klingen jetzt ein bisschen gedämpfter. „Na klar hat sie das gewusst“, polterte daraufhin der Chef los; gegen seine Stimme hilft keine Decke. „Ich weiß noch gar nicht, worum es eigentlich geht. Warum findet dieses Notfallmeeting statt?“ „Sie will tanzen“, das war wieder der Chef. Einstimmiges entsetztes lautes Aufmerken. „Tanzen?“ Ich lege über die Decke noch das Kissen und habe trotzdem das Gefühl, dass sie direkt um mein Bett herum sitzen. Dann geht es los, das wilde Gemurmel. Ich höre zwischendurch immer mal Satzfetzen wie „unmöglich“ oder „das müssen wir verhindern“. Es riecht nach abgestandenem Kaffee aus ihren Thermoskannen und nach dem typischen Giftzwerggeruch…
 
Ich atme tief durch und schlage mutig die Decke beiseite. Unauffällig versuche ich mich an ihnen vorbei ins Bad zu schleichen, aber natürlich bemerken sie mich. „So so, tanzen also“, geben sie mir zischend mit auf dem Weg in die Dusche.
 
Ich bin sie den ganzen Tag nicht losgeworden. Sie haben sich immer wieder gemeldet. Mal in Form von leichten Halsschmerzen und Schlappheit. Dann hat es im Rücken gezogen und plötzlich erschien mir der Weg viel zu weit, der Tag zu lang und in der nächsten Woche würde es eh viel besser passen. Zur Abwechslung gab es dann noch ein bisschen Kopfschmerzen und irgendwann ein erschrecktes auf die Uhr sehen und eigentlich schon zu spät dran sein. Ich habe schnell die Tasche gepackt, bin trotzdem los gefahren und konnte mir dann die ganze Zeit von der Rückbank ein quengelndes „einen Parkplatz findest Du da sowieso nicht“ und „zu spät sind wir auch, wie peinlich“ anhören. Zwei von den Giftzwergen waren als Begleitung abgestellt. Ich habe versucht sie zu ignorieren, Musik gehört und mitgesungen und war dann doch pünktlich da und einen Parkplatz habe ich auch gefunden. Als ich vor der Treppe zu dem Tanzraum stand, haben die beiden geschmollt und wollten draußen warten. „Wirst schon sehen, was Du davon hast“ haben sie noch gemurmelt und „wir würden jetzt auch lieber was anderes machen“.
 
Und dann: ein schöner Raum, tolle Frauen, sich von der Musik mitnehmen lassen, fühlen, spüren, Körper wahrnehmen, der Bewegung folgen, Spaß haben, ein fröhliches Herz – eine gute Zeit!
 
Als ich nach zwei Stunden wieder raus kam, waren sie weg – die Giftzwerge. An der Autobahn habe ich sie wiedergesehen. Sie standen an der Auffahrt und wollten per Anhalter fahren. Mein erster Impuls war Gas geben, aber dann habe ich doch angehalten. Unter der Bedingung, dass sie friedlich sind, habe ich sie mitgenommen. Sie haben nur genickt und sind eingestiegen. Als wir Zuhause waren, kam ein leises „und es war wirklich schön?“ und da habe ich genickt und sie geschwiegen.
 
Vielleicht geht es nicht darum, seine inneren Giftzwerge an der Autobahn stehen zu lassen. Vielleicht müssen wir sie mitnehmen und als einen Teil von uns annehmen, egal ob es zum Tanzen geht oder was auch immer Sie vorhaben. Sie sind Teile von uns und am Ende wollen sie doch einfach auch lieb gehabt werden – auch wenn es manchmal schwer fällt. Folgen Sie ihrem Herzen!

Heyka - 10:17 @ Alltagswunderbarkeiten | Kommentar hinzufügen